DEAE-Symmposion 2016

DEAE-Fachgruppe Familienbezogene Bildung

Unter erweitertem Diversity-Gesichtspunkt wurden unter anderem beraten: ein Curriculum der FlĂŒchtlingsbegleitung – Rahmenbedingungen fĂŒr mehr partnerschaftliche Familienpraxis – konkrete Ideen fĂŒr eine partizipative und sozialrĂ€umliche Entwicklung von Kindertageseinrichtungen, Familienzentren und FamilienbildungsstĂ€tten.

Im GesprÀch waren die wissenschaftlichen Disziplinen: Erwachsenenbildung, Vergleichende Erziehungswissenschaft, Migrationsforschung, Soziale Arbeit, Kultur- und Religionswissenschaften sowie Politikwissenschaften; und seitens der Praxis brachten sich ein: FamilienbildungsstÀtten, Erwachsenenbildungswerke, Akademien, Berufliche Aus- und WeiterbildungsstÀtten, Migrantenselbstorganisationen, Kommunen, Kirchenkreise und Vereine.

In allen Diskussionsrunden war Konsens, dass bei der Planung von Weiterbildungsangeboten möglichst detaillierte Kenntnisse ĂŒber die Bildungsgewohnheiten und -interessen der jeweiligen Eltern und Familien mit Migrationshintergrund einfließen mĂŒssen. Programmplanung ohne BerĂŒcksichtigung solches Wissens und ohne eine entsprechende Vernetzung erreicht diese Familien nicht an oder wirkt paternalistisch. In Anbetracht der sozioökonomischen und kulturellen HeterogenitĂ€t von Familien mit Migrationshintergrund ist der Typus ‚Familien mit Migrationshintergrund‘ einerseits zu pauschal fĂŒr konkrete Programmplanungen, anderseits ist er zugleich zu eng, da am besten nicht allein Familien mit Migrationshintergrund, sondern auch einheimische Familien mit einem milieuspezifischen Ansatz zu interessieren sind.

Es sind nicht nur spezifische Gruppenangebote, sondern auch alle anderen bestehenden Angebote fĂŒr unterschiedliche Zielgruppen zu öffnen. Aus der jeweiligen nationalen Herkunft lĂ€sst sich jedenfalls nicht pauschal ableiten, wo zwischen Eltern Gemeinsamkeiten bestehen und wo sich Unterschiede auftun. Ob mit oder ohne Migrationshintergrund, was Familienkultur jeweils ausmacht, ist aus vielerlei guten GrĂŒnden bunt zusammengesetzt. Daher erfordert vor allem die Planung von Gruppenangeboten fĂŒr bestimmte Milieus von Eltern oder Großeltern eine SensibilitĂ€t fĂŒr Familienkulturen quer zu ihrer nationalen Herkunft, Differenzierungen von Eltern und Großeltern unterhalb der groben Unterscheidung: ‚mit oder ohne Migrationshintergrund‘.

Zur Anbahnung von Programmentwicklungen oder Organisationsentwicklung lohnt es sich, mehr in sogenannte ‚niedrigschwellige Geh-Strukturen‘ zu investieren. Ohne einen Zugang zu den Communities von Migrantinnen und Migranten, ohne dort SchlĂŒsselpersonen zu kennen, werden auch noch so fundierte Konzepte nichts nutzen. Erst wenn SchlĂŒsselpersonen zunĂ€chst fĂŒr Raumnutzungen und dann vielleicht fĂŒr offene Angebote werben, kann sich daraus mit der Zeit auch eine Chance zur Entwicklung von regulĂ€ren Angeboten ergeben. Offene Angebote sind keine Konkurrenz zu regulĂ€ren Angeboten, sukzessive können sich aus Geh-Strukturen, lose Komm-Strukturen und schließlich auch regulĂ€re Angebotsstrukturen entwickeln. So kann auch das traditionelle Konzept der ‚Eltern-Kind-Gruppe‘ fĂŒr Familien (auch fĂŒr VĂ€ter) mit Migrationshintergrund funktionieren, wenn es nur derart sozialraumbezogen angebahnt und kostenlos angeboten wird.

Bei der Aktivierung von SchlĂŒsselpersonen darf man nur nicht stehen bleiben, langfristig ist an einem mehrsprachigen, internationalen und kultursensiblen FachkrĂ€ftenachwuchs zu arbeiten. Diese Organisationsentwicklung beginnt bereits damit, dass SchlĂŒsselpersonen nicht nur als TĂŒröffner benutzt werden, sondern ihnen praktisch WertschĂ€tzung entgegengebracht wird – mittels Qualifizierung und Honorar.

Die aktuelle FlĂŒchtlingssituation nahm in den Diskussionsrunden natĂŒrlich viel Raum ein: Man war sich einig, dass sich jene Fehler nicht wiederholen dĂŒrfen, mit denen die Gastarbeitergenerationen und die Gesamtgesellschaft noch heute ringen: Assimilationsversuche sind so kontraproduktiv wie Ignoranzversuche. Menschen mit Fluchtschicksalen lassen sich weder kulturell vereinnahmen, noch werden sie sich einfach segregieren. Es ist beschleunigter zu erlauben, dass sie sich möglichst eigenstĂ€ndig und möglichst verlĂ€sslich in den Alltag, das Erwerbsleben und eben auch in die Weiterbildung einbringen. Sie sind in Verantwortung zu bringen und das nicht erst, wenn Deutschkenntnisse vorhanden sind, sondern bereits im Kontrast zu ihren Erfahrungen von HandlungsunfĂ€higkeit, Befristung und EntmĂŒndigung durch die Restriktionen des Asylverfahrens. Ein intaktes Familienleben ist unzweifelhaft ein zentraler Faktor fĂŒr zunehmend mehr Wohlergehen, Orientierung und Beheimatung (deswegen auch geht die Verteilung von Familienmitgliedern ĂŒber mehrere BundeslĂ€nder sowie die errichteten HĂŒrden fĂŒr den Familiennachzug einher mit zunehmender Frustration, Separierung und Aggression); familienbezogene Erwachsenenbildung setzt an diesem zentralen Punkt an.

In Deutschland finden sich derzeit eine nach wie vor ausgeprĂ€gte Hilfsbereitschaft einerseits und hohe AnsprĂŒche gegenĂŒber den Asylsuchenden anderseits, und beides muss sich nicht ausschließen. Viel zu wenig indes fragt man und nutzt man, was FlĂŒchtende mitbringen, welche biographische Dramatik, welchen ‚Überlebenskunst-Habitus‘ sie verkörpern, wie entschlossen sie an eine Zukunft glauben und fĂŒr sich Perspektiven suchen. Wo erfĂ€hrt man von den Familien, denen ein Neustart in Deutschland gelungen ist? Werden Erfolgsgeschichten im Weiterbildungsbereich bereits aufgegriffen? Können sie auch einheimischen Eltern und Großeltern eine Orientierung bieten? Es braucht mehr Empowerment, mehr Freiraum und breitere GesprĂ€chssituationen fĂŒr solche Vorbilder. Nicht lĂ€nger darf das Gewicht auf Individualbetreuung liegen, schließlich sind auch flĂŒchtende Eltern souverĂ€n und wollen wie alle anderen Eltern auch nicht lĂ€nger als nötig als BetreuungsfĂ€lle behandelt werden. Hier steht die Weiterbildung vor dem weiten Feld der Freiwilligenarbeit, denn Freiwillige könnten vor allem als Impulsgeber zwischen Familien und Gemeinschaften wirksam werden (dafĂŒr mĂŒssten sie aber deutlicher von ihrem teilweise paternalistischen Helfergestus abrĂŒcken). Doch auch die professionelle Soziale Arbeit ist angesichts von Familien mit Migrationshintergrund nur bedingt qualifiziert. Weiterbildungsangebote wie die Qualifizierung zur “Elternbegleiterin” sind hier wegweisend.

Kontrovers diskutierten die Teilnehmenden des Symposions ĂŒber die Erfolgsaussichten von Kooperationen mit Migrantenselbstorganisationen. Da Eltern und Großeltern mit Migrationshintergrund es aus ihrer Tradition kaum kennen, dass Familienbelange öffentlich thematisiert, diskutiert und unterstĂŒtzt werden, rechnet man mit solchen Angeboten auch nicht, nur wenige Familien haben Erfahrungen damit und entsprechend verbreitet sind Vorbehalte. Die Kooperation mit Migrantenselbstorganisationen (von denen bundesweit circa 20 000 Vereine dafĂŒr in Frage kommen, nicht nur unbedingt Moscheen-Vereine) scheint hier ein wichtiger Weg zu sein, Vorbehalte gegenĂŒber familienbezogener Erwachsenenbildung abzubauen und mehr konkrete AnknĂŒpfungspunkte zu finden. Es ist dabei allerdings zu unterscheiden zwischen den vielen kleinen ehrenamtlichen Vereinen, die sich zumeist nur der Sprachpflege widmen, und den semiprofessionellen beziehungsweise professionellen Vereinen mit breitem gemeinnĂŒtzigem Auftrag. Vor allem das Know-how und die Gesichtspunkte professionell gefĂŒhrter Vereine sind anschlussfĂ€hig fĂŒr Weiterbildungsanbieter. Sie sind aber nicht kostenlos als BrĂŒckenköpfe zu neuen Zielgruppen zu nutzen, sondern als ein GegenĂŒber wie andere in WohlfahrtverbĂ€nden organisierte Kooperationspartner.

Die Förderung von partnerschaftlicher Familienverantwortung wird noch immer weitgehend abgelöst von interkulturellen Aspekten diskutiert, dabei kann die kultursensible Elternbildung auf Genderperspektiven nicht lang verzichten.

Angesichts des aktuellen Getöses um ‚Wertevermittlung‘ empfiehlt sich die familienbezogene Erwachsenenbildung, denn unterschiedliche NationalitĂ€ten und sogar Kontinente verbindet die familiĂ€re Sorge um die kommende Generation sowie die Sorge um Ă€ltere Familienmitglieder – die familienbezogene Erwachsenenbildung setzt daher an humanen Gemeinsamkeiten und zugleich an konkreten Alltagsfragen an. Ein derart praktisches und verbindendes Vorgehen schien den Symposions-Teilnehmenden auch ĂŒber familienbezogene Angebote und Projekte hinaus ein tragfĂ€higer Ansatz zu sein. Es ist dies eine konkrete politische Dimension des Handlungsfeldes, die in den Diskussionsrunden unterstrichen wurde.

In der konkreten konzeptionellen und praktischen Arbeit unterdessen wurde ein großer Entwicklungs- und Forschungsbedarf konstatiert: familienbezogene Erwachsenbildung steht fĂŒr einen vielversprechenden Ansatz, es fehlt ihr aber an sozialrĂ€umlichen ZugĂ€ngen und Netzwerken, an konzeptioneller Initiative und der dafĂŒr notwendigen Personalausstattung. Und umkehrt: je enger das Angebotsspektrum ist, je mehr Familien mit Migrationshintergrund sich von den Angeboten nicht tangiert sehen, umso schwerer auch ist es, die Relevanz und den entsprechenden Finanzrahmen der familienbezogenen Erwachsenenbildung zu sichern oder gar zu erhöhen. Die große Resonanz und die inspirierende Diskussionskultur des DEAE-Symposions zeigten, wie hilfreich ein Austausch ĂŒber geeignete Konzepte sein kann. Als Zwischenstand wurde festgestellt, dass in diesem Themenkomplex sowohl institutionelle wie auch konzeptionelle Fragestellungen noch weiter zu bearbeiten und entwickeln sind. Deutlich wurde in den Diskussionsrunden auch der breite Forschungsbedarf. Im Dreieck von Migrationsforschung, Familienforschung und Weiterbildungsforschung sind nicht nur LĂŒcken zu verzeichnen, sondern es besteht hier offensichtlich ein ausgeprĂ€gtes Forschungsdesiderat. Es lassen sich derzeit nicht einmal lĂ€nderspezifische Erkenntnisse heranziehen, um zu erhellen, welches familienbezogene Angebotsspektrum bei Eltern und Großeltern mit Migrationshintergrund ankommt. Erst recht gibt es diesbezĂŒglich keine bundesweiten oder international vergleichenden Forschungen. Die Analyse von adĂ€quaten Angeboten beziehungsweise die Kritik an inadĂ€quater Programmplanung ist aber die Voraussetzung fĂŒr eine mehr als intuitive Konzeptentwicklung. Es gilt zu erforschen, wie die ĂŒberdurchschnittliche Bildungsaspiration von Familien mit Migrationshintergrund nicht lĂ€nger enggefĂŒhrt wird auf die dann oftmals enttĂ€uschend verlaufende institutionelle Bildungslaufbahn der Kinder, sondern vielmehr zur vierte BildungssĂ€ule fĂŒhrt – mit ihren offenen Angeboten, hilfreichen Gruppendynamiken, spannenden offline-GesprĂ€chsformaten, nicht-curricularen AnsĂ€tzen.