Bericht zur EFTRE-Konferenz “Believing, Belonging and Behaving”

1. Überblick

Das European Forum for Teachers of Religious Education (EuropĂ€isches Forum fĂŒr Religionslehrer/innen) wurde 1980 gegrĂŒndet. Mitglieder sind nationale ReligionslehrerverbĂ€nde, Institute und UniversitĂ€ten, die den Religionsunterricht fördern. EFTRE möchte durch internationalen Austausch und Projekte die QualitĂ€t des Religionsunterrichts und die ProfessionalitĂ€t der ReligionslehrkrĂ€fte in den einzelnen MitgliedslĂ€ndern fördern und Anliegen des Religionsunterrichtes gemeinsam mit der Coordinating Group for Religion in Education in Europe (CoGREE) auf europĂ€ischer Ebene vertreten. Vom 31. August bis zum 3. September 2016 fand die 13. internationale EFTRE Konferenz in Kooperation mit CoGREE statt. Weiterer Kooperationspartner war die UniversitĂ€t Wien, welche auch als Tagungsort gewĂ€hlt wurde. An den vier Tagen der Konferenz trafen sich ĂŒber 60 Lehrer/innen, Bildungswissenschaftler/innen und -funktionĂ€re aus 19 LĂ€ndern, um ĂŒber die Lage und Zukunft des Religionsunterrichts in Europa zu diskutieren. Das Thema war: „Believing – Belonging – Behaving. Challenges for Religious Education in the 21st Century” (“Glauben – Zugehörigkeit – Verhalten. Herausforderungen fĂŒr den Religionsunterricht im 21. Jahrhundert”), welches in unterschiedlichen VortrĂ€gen und Workshops behandelt wurde.

2. VortrÀge

WĂ€hrend der Konferenz sind vier anregende VortrĂ€ge gehalten worden. Der erste kam von Prof. em. Paul Zulehner (UniversitĂ€t Wien, Österreich), der einen Einblick in die GefĂŒhlslage von Österreichern bezĂŒglich religiöser Themen gab. Auf der Grundlage einer Reihe von Untersuchungen konnte er zeigen, dass zwar – wie auch allgemein angenommen – die Zahl religiöser Personen abnimmt. Dies fĂŒhrt aber nicht zu einer SĂ€kularisierung, sondern insbesondere die Gruppe der „Skeptiker“ nimmt zu, die sich durch Zweifel auszeichnet. Zudem gab er Einblicke in die Welt der österreichischen Muslime und deren Umgang mit einem sogenannten „Modernisierungsschock“. Aber auch die eingeborenen Österreicher mĂŒssen sich mit einer immer komplexer werdenden Welt auseinandersetzen, insbesondere durch die verstĂ€rkte FlĂŒchtlingsmigration. Manche reagieren ablehnend und möchten ein „christliches“ Abendland verteidigen, selbst wenn sie persönlich keine BezĂŒge zum christlichen Glauben haben (siehe PEGIDA). Diese Gruppe bezeichnet Zulehner als „Kulturchristen“. DemgegenĂŒber stehen die offenen hilfsbereiten Personen, die die FlĂŒchtlinge willkommen heißen und integrieren. Er schließt seinen Beitrag mit einem Appell, als ReligionspĂ€dagog/innen aktiv dazu beizutragen, Menschen von ihrer Angst und Unsicherheit zu heilen. Denn Zuversicht ist entscheidend dafĂŒr, dass eine Person dem Fremden gegenĂŒber offen und freundlich ist.
Nach dem Einblick in die religiöse Situation der österreichischen Gesellschaft eröffnete Dr. Peter Schreiner (Comenius-Institut, Deutschland) den Teilnehmern die europĂ€ische Perspektive. Er zeigt Entwicklungen in der nationalen wie europĂ€ischen Bildungspolitik auf, die Einfluss auf den Religionsunterricht haben. Tendenzen hin zur Ökonomisierung und Kommodifizierung in der Bildungspolitik wirken sich spĂŒrbar auf den Religionsunterricht aus. Als Beispiele fĂŒhrte er England, Frankreich und Deutschland an. Er schließt mit dem Appell, dass guter Religionsunterricht durch Vernetzung von Forschung, Politik und Praxis zukunftsfĂ€hig gemacht werden muss und die europĂ€ische Dimension trotz Unterschiede nicht aus dem Auge verloren werden darf.
Prof. Denise Cush (Bath Spa University, England) zeigt in ihrem Vortrag auf, dass auch der Zugang zu Religion sich entscheidend verĂ€ndert hat. Es kam zwar nicht – wie noch in den 1970er Jahren prognostiziert – dazu, dass die Gesellschaft sĂ€kular geworden ist. Vielmehr kann beobachtet werden, dass eher eine Individualisierung stattfindet. Die Traditionen der Eltern werden oft abgelegt und so fallen „fixed identities“ (feste IdentitĂ€ten) weg. Religiöse Überzeugungen werden individuell kreiert. Teils werden Elemente aus traditionellen Religionen ĂŒbernommen, teils werden eigenen Religionen erfunden. Diese neue Offenheit muss bei der Gestaltung des Religionsunterrichts mit bedacht werden. Der Umgang mit wegfallenden Traditionen und inwieweit eine Verankerung in religiöse Traditionen zur Persönlichkeitsbildung wichtig ist, wurde von den Teilnehmern viel diskutiert.
Diesen Aspekt greift Prof. Bert Roebben (TU Dortmund, Deutschland) in seinem Vortrag zum Thema „Generating Hope for Europe – Praxis and Promise of Tomorrow’s RE-Professionalization“ (Hoffnung fĂŒr Europa generieren – Praxis und Zusagen der Professionalisierung des zukĂŒnftigen Religionsunterrichtes) auf. Er stellt die Frage, wie in einer komplexen und mobilen Welt, Kinder und Jugendliche sich zuhause fĂŒhlen, eine eigene gefestigte IdentitĂ€t bilden und in den Dialog mit andersdenkende Menschen treten können. Eine Überzeugung von ihm ist es, dass Lehrer/innen selbst fest in einer Tradition verankert sein und diese auch offenlegen mĂŒssen, um SchĂŒler/innen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Inwieweit diese Perspektive haltbar ist, wenn die RealitĂ€t zeigt, dass auch Lehrer/innen ohne konfessionellen Hintergrund guten Unterricht leisten können, blieb bei den Teilnehmer/innen umstritten.

3. Workshops

Neben den HauptvortrĂ€gen wurden auf der Konferenz auch eine Vielzahl an Workshops angeboten. In einem Workshop wurde beispielsweise das Projekt „READY – Religious Education and Diversity. Sharing experiences of, and approaches to, teacher education in the context of ‚Education and Training 2020‘ (ET 2020)“ vorgestellt. Neben der ErklĂ€rung des Konzeptes, in welchem u.a. sowohl Fallstudien ĂŒber den Religionsunterricht in den einzelnen LĂ€ndern, wie auch gemeinsam von internationalen Kleingruppen von Referendaren vorbereitete UnterrichtsentwĂŒrfe, Unterrichtsbesuche und Videos ĂŒber Unterrichtssequenzen enthalten ist, wurde mit den Teilnehmern auch praktisch eine Unterrichtssequenz zum Thema DiversitĂ€t durchgefĂŒhrt. Dabei wurde der Film „Der Schulhof von Babel“ (bis zum 14.09. auf arte abrufbar, Wiederholung im Fernsehen am 21.09.) als Materialgrundlage gewĂ€hlt.

Ein anderer Workshop, welcher sich mehr mit theoretischen Konzepten auseinandersetzte, war „Science and Religion“. Eszter KodĂĄcsy-Simon (Ungarn) stellte die historische Entwicklung der oft gedachten Trennung von Wissenschaft und Religion vor. Ihr Fokus lag auf den Wiener Kreis, der Anfang des 20. Jahrhunderts versucht hat zu bestimmen, was sinnvolle SĂ€tze auszeichnen muss. Als Ergebnis wurde davon gesprochen, dass sie wahr, bedeutungsvoll und messbar sein mĂŒssen. Der Wiener Kreis versuchte sich so klar von Fragestellungen der Metaphysik abzugrenzen. Anschließend wurde unter den Teilnehmer/innen darĂŒber diskutiert, inwieweit religiöse Themen nach dieser Definition wissenschaftliche behandelt werden können.
Schließlich soll noch ein Workshop von Dorothe Enger (DĂ€nemark) erwĂ€hnt werden. Unter dem Titel „Believing – Belonging – Behaving seen through the lenses of Postmodern Religious Criticism“ (Glauben – Zugehörigkeit – Verhalten durch die Linsen der postmodernen Religionskritik gesehen) wurden die Unterschiede zwischen der Vormoderne, Moderne und Postmoderne erlĂ€utert. Anhand dessen wurde aufgezeigt, wie unterschiedlich mit Wahrheit und so auch mit divergenten Meinungen umgegangen wurde und wird. Dadurch wurden die Teilnehmer/innen dafĂŒr sensibilisiert, Personen mit unterschiedlichen Lebenseinstellungen und Einstellungen zu religiösen Themen auch unterschiedlich zu begegnen.
Weitere Informationen und Materialien zu den VortrÀgen und Workshops finden sich unter www.eftre.net.

4. AusflĂŒge

Neben den theoretischen Inputs gab es auch Gelegenheit praktisch kulturelle Vielfalt zu erleben. Zum einen wurde ein Besuch zu IRPA organisiert, die den Hochschulstudiengang fĂŒr das Lehramt fĂŒr Islamische Religion an Pflichtschulen anbieten. Die Teilnehmer/innen haben einen umfassenden Einblick erhalten, wie in Österreich islamische Religionslehrer/innen ausgebildet werden und wie der Schulalltag aussieht.
Eine weitere Möglichkeit sich mit DiversitĂ€t zu beschĂ€ftigen, war bei unterschiedlichen kulturellen Angeboten. So konnte sich beispielsweise mit jĂŒdischem Leben in Wien auseinandergesetzt werden oder es war auch möglich, Einblicke in buddhistische Praktiken zu bekommen.

5. Ausblick

Am Ende bleibt die Frage, was nach vier Tagen Konferenz und zahlreichen inspirierenden GesprĂ€che mitgenommen werden kann. Zum einen zeigt sich, dass religiöse PluralitĂ€t in Europa sowohl in der Schule wie auch in anderen Lebensbereichen allgegenwĂ€rtig ist. Eine bewusste Auseinandersetzung mit neuen Perspektiven auf religiöse Fragestellungen und das Wegfallen starrer Traditionen ist entscheidend. Dabei muss auch ĂŒberlegt werden, ob der Begriff Religion – der oft negativ konnotiert ist – mit neuen Bezeichnungen, wie beispielsweise von Dave Francis in der Konferenz-zusammenfassung vorgeschlagen „Sophology“ oder „Solarity“, ausgetauscht werden sollte.
Zum anderen geht es im Religionsunterricht neben der Vermittlung von Wissen ĂŒber religiöse Traditionen und Weltanschauungen darum, Kinder und Jugendliche bei einer umfassenden Persönlichkeitsbildung zu unterstĂŒtzen und moralische Orientierung zu geben. Dabei mĂŒssen auch jene angesprochen werden, die keinen religiösen Familienhintergrund haben. SchĂŒler/innen mĂŒssen lernen, „seiend“ (being) in einer sich verĂ€ndernden Welt zu sein. Sich dieser Aufgabe zu stellen und sich immer wieder neu zu hinterfragen, ist ein nicht endender Prozess und sollte der Kern unserer Arbeit bleiben.
Janika Olschewski